Donnerstag, 4. Juni 2015

Das MUCEM in Marseille

Eine hundertdreißig Meter lange Stahlbrücke trägt mich durch den Himmel von Marseille. Sie führt von einer alten Festung wohl siebzig Meter hoch bis auf das Dach des MUCEM, des schönsten, leersten, seltsamsten Museums an den Gestaden des Mittelmeeres.

Der Kulturtempel wurde im Juni 2013 eingeweiht, aus Anlass und zur Krönung jenes Jahres, in dem Marseille sich als Kulturhauptstadt Europas einen ordentlichen Hausputz gönnte. Entworfen hat es vor allem Rudy Ricciotti, ein Architekt aus der Stadt. Benannt haben es aber sicherlich ein paar beruflich schwerst deformierte Kulturbürokraten in irgendeinem Ministerium, die einer Logik folgen, der ich auch nach intensiverem Nachdenken nicht folgen mag. Also, Luft holen, MUCEM steht für Musée des civilisations de l'Europe et de la Méditerranée. Der spektakuläre Neubau zum Jubeljahr 2013 – es gibt weitere Bauten, wir kommen noch zu ihnen – heißt hingegen, genau: J4. (Muss ich erwähnen, dass es im ganzen Museum keine Gebäudekomplexe J1 bis J3 gibt, dafür aber ein l'I2MP? J4 heißt dafür auch die Promenade, auf der dieser Komplex steht.) Der Museumsbereich in J4 (es finden sich dort auch, zum Beispiel, Büros) heißt Galerie de la Méditerranée. Wer also eine Sonderausstellung besuchen will, der besucht die Galerie de la Méditerranée im J4 im Musée des civilisations de l'Europe et de la Méditerranée. Alles klar? Genau. Bon, für unsere Zwecke: MUCEM, das ist dieser spektakuläre, irgendwie vergittert wirkende neue Kasten am Meeressaum von Marseille.

Jahrzehntelang hatte sich Marseille nämlich vor dem Mittelmeer versteckt. Der Vieux Port, der Alte Hafen, wo schon Griechen und Römer ihre Galeeren anladeten: ein Yacht-gespicktes viereckiges Becken, so tief in der Stadt, dass man von seinen Kais den Ozean nicht einmal sehen kann. Der moderne Hafen, immerhin der (neben Algier) größte des Mittelmeeres: Eine Industrie- und Tankerwüste viele Kilometer westlich der Stadt, ein Dschungel aus Tanks und Schuppen und asphaltierten Rampen, die zu den Fähren nach Korsika und Nordafrika führen. Rost, Beton, Wellblech, Lastwagen, Lärm und Dreck, Dreck, Dreck.
Erst, als sich die Stadtregierung um Europas Ehrenplatz bemühte, entdeckte man das Meer wieder: steingepflasterte Esplanaden laden nun wieder zum Flanieren ein, zu einem Spaziergang bis hin zu den Wellen des wie eh und je unfassbar blauen Mittelmeeres. Eine Idylle ist das noch längst nicht, denn die Narben der industriellen Verwüstung kann kein urbaner Schönheitschirurg kaschieren. Mancherorts schlagen Schnellstraßen noch immer Schneisen zwischen der maritimen Promenade und den ersten Häusern, fault das Wasser in aufgegebenen Hafenbecken, die höchstens dekadente Modefotografen als Location begeistert.

Und doch: Marseille hat sich auf den Weg gemacht, den Barcelona schon länger geht. Eine alte Stadt am alten Meer, die auf einmal wieder schön wird und jung und lebenswert und modern und Besucher anzieht und Besucher nicht mehr loslässt, so dass manche für immer hier bleiben. (Zu schön, um wahr zu sein? Wiko, Frankreichs – nach Samsung und vor Apple – zweiterfolgreichster Handyhersteller ist, mais oui, ein Start-up aus Marseille.)
Das MUCEM ist dabei in dieser Sehnsucht nach Meer, nach Jugend, nach Kultur, nach Schönheit und Zivilisation die Kaaba von Marseille, das Zentrum, um das alle diese weltlichen Hoffnungen kreisen. Ein Kasten mit 72 Metern Kantenlänge, eingehüllt in ein Geflecht aus Betonplatten, das von Weitem so aussieht, als habe jemand ein Tarnnetz über eine gigantische Kiste geworfen. Der Würfel steht neben dem Fort Saint-Jean, einer Festung aus dem Ancien Régime, die einst den Vieux Port bewachte. Festung und Museum sind durch jene Stahlbrücke quer durch Marseilles Himmel verbunden. Eine ähnliche Traverse führt ins Quartier Panier, ein verlottertes, von massivster Gentrifizierung bedrohtes Hafenviertel, doch überwölbt diese kein Wasserbecken, sondern eine schnöde mehrspurige Straße.

Das MUCEM ist dabei zur großartigsten, nun ja, Museumshülle geworden, die ich je gesehen habe. Am besten betritt man, vom Vieux Port kommend, den Komplex an der Tour du Roi René, dem Turm der Festung Saint-Jean, der mit seinem Mauerwerk fast noch im Becken des alten Hafen steht. Das Fort selbst, noch immer massig, wuchtig, feucht, verbirgt hinter, nein auf seinen Mauern eine luftige Parklandschaft. Wiesen und Kräuter verschiedener provenzalischer Regionen blühen dort, wo einst Kanonen standen, und wer ein wenig sucht, der findet sogar einen ordentlichen mediterranen Gemüsegarten.
Apropos Gemüse: Neben dem Garten hat Le Café seine Pforten geöffnet, das genau, im MUCEM heißt alles anders, als es ist, gar kein Café ist, sondern ein veritables Restaurant – allerdings eines, in dem Köche und Kellner ausgebildet werden, damit sie dereinst in den Michelinsternetempeln der Grande Nation zaubern dürfen. Man kann rund um den Vieux Port schlechter essen als hier...
Schräg hinter dem Café erblickt der (wenn's geht: schwindelfreie) Besucher jene Brücke, die, näher betrachtet, fast wie eine etwas übergroße Regenrinne wirkt, auf der wir Menschlein wie die Kellerasseln zum J4 strömen.
Dessen betonrissiges „Netz“ stellt sich – man kann es vom anderen Ende der Brücke aus betasten – als leicht vernarbtes, armdickes, ich-möchte-nicht-wissen-wieviele-Tonnen schweres Kettenhemd heraus. Auf dem Dach endet die Brücke in einer Art Lichthof. Von dort taucht man ein, unter, neben, über das Betongewirr. Man kann nämlich auf einer Rampe zwischen Netz und Glasfassade außen um das Gebäude, sich langsam abwärts schlängelnd, herum gehen. Spiel aus Licht und Schatten, durchbrochene Blicke auf Segelboote im silbrigen Meer, auf das schwarz-weiße Zuckerbäckergebirge der Kathedrale La Major im Viertel Panier, auf das Fort Saint-Jean. Irgendwie modern, irgendwie arabisch – ein Hauch Marokko in Marseille – und auf jeden Fall schön. Eine Oase der Ruhe, selbst mit vielen Besuchern – zwei Millionen waren es im ersten Jahr. Weniger der akustischen, mehr der optischen Ruhe. Das Netz ist ein Filter zwischen Gehirn und Wirklichkeit.

Diese Wirklichkeit holt mich dann, leider, leider, im Innern von J4 mit einem vernehmlichen „Pfft“ wieder ein. Vielleicht ist das MUCEM nämlich das erste Museum ohne Sammlung, der erste Ausstellungstempel ohne Ausstellung. Klar, selbstverständlich stehen hier Exponate herum, von einer permanenten und von je mehreren Sonderausstellung. Aber das ist, hey, eine von Designern und wohlmeinenden Pädagogen aufgepeppte Rumpelkammer, ein Sammelsurium von Resten, die in den Depots von Marseille irgendwie übrig geblieben sind: Da hängen mittelgute Ölbilder mit Ansichten Venedigs aus dem 18. Jahrhundert in recht unvermittelter und unerklärlicher Nähe neben einer Guillotine, mit der der Staat im 19. Jahrhundert in einem Marseiller Gefängnis seine Schwerverbrecher entsorgte. Irgendwie hat das alles mit Europa und der Zivilisation und dem Mittelmeer zu tun, und sei es nur, dass irgend ein armer Verurteilter unter dem Fallbeil mit seinem letzten Atemzug noch einmal die pinien- und salzgewürzte mediterrane Luft eingesogen hatte, bevor dann das Eisen niedersauste und er nichts mehr hatte, womit er sie wieder hätte ausatmen können.
Aber was soll uns das bloß sagen? Warum hängen die Ölschinken neben dem Staatsmordwerkzeug?
Man merkt es dem MUCEM vor jeder Vitrine an: Marseille hat sich, weil es halt Kulturhauptstadt werden wollte, unbedingt ein neues Museum gönnen wollen. Aber man hatte nichts, um dieses Museum auch zu füllen.


So ist das MUCEM selbst sein bestes Museum geworden: Ein Schaukasten moderner, mutiger Architektur, verbunden mit einem brutal wuchtigen Altbau, dem auf äußerst elegante Art Leben eingehaucht worden ist. Ein Ort des reduzierten Lärms in einer tobenden Metropole, der erfrischenden Luft in einem sommerlichen Glutofen, der Schattenspiele in einer Stadt aus grellem Licht und finsterster Dunkelheit.

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