Montag, 19. Dezember 2016

Sollten jemals Aliens Mitte Dezember die Erde ansteuern, dann werden sie garantiert in der Provence landen. Denn zu aaahhh, voilà, Noël! erstrahlt noch das hinterletzte mittelalterliche Kaff in LED-Kaskaden, die bis zu Alpha Centauri leuchten. Ich vermute, dass das, was den Leuten heute an Glauben fehlt, in Lichterketten wettgemacht wird. Je atheistischer die Bürgerschaft, desto bombastischer der Christschmuck auf, über und neben den Straßen. (Nirgendwo blinken so viele Bethlehemsterne und Weihnachtsmänner über dem Asphalt wie in den von Kommunisten regierten Städten am Étang de Berre.)



Dabei gedieh in der Provence Jahrhunderte lang eine Tradition (und sie gedeiht glücklicherweise noch immer), die viel intimer, freundlicher, ja sogar, eher untypisch für Weihnachten, viel witziger ist als sonst irgendwo in Europa: die der crèche, der guten, alten Krippe.
Die meisten Familien hier stellen jedes Jahr eine crèche auf: Ein provenzalisches Haus, ein Stall, vielleicht ein Turm, eine Brücke, manchmal ein ganzes Dorf mit Marktplatz und Fischerhafen. Die Gebäude sind heute aus Ton gefertigt, früher wurden sie aus allen möglichen Materialen zusammengebastelt. Wir richten uns stets eine inzwischen ramponierte Holz-und-Stroh-Konstruktion eines, soweit wir uns noch erinnern können, Großvaters ein, die irgendwie auf uns gekommen ist. Sie hat sogar eine Glühbirne von Anno Tuff mit zwei stromführenden Drähten, die jedem Feuerwehrmann die Tränen in die Augen treiben würden. Zwischen die Gebäude legen wir Moosplatten. Das Moos wird in ungefähr handgroßen Stücken aus dem Wald geholt, es wächst auf Erdflächen und Steinen nahe am Bach – jedes Jahr an unterschiedlichen Orte und unterschiedlicher Qualität, je nachdem, wie trocken die vergangenen Monate gewesen sind.
Darauf stellen wir – vor allem unsere Jüngste, die das voller Hingabe tut – die Santons, von santoun, dem „kleinen Heiligen“. Santons sind Tonfiguren zumeist provenzalischer Allerweltsgestalten, die sich der Heiligen Familie mehr oder weniger andachtsvoll nähern. Die Arlésienne in ihrer prachtvollen Tracht etwa, ein Angler, ein Blinder, der von einem Jungen geführt wird, der Holzschlepper, das Fischweib...
Inzwischen haben auch moderne Bürger das Recht, zum Jesuskind zu pilgern, der Herr Bürgermeister, der Tourist, der Fotograf, sogar ein Geistlicher. (Kreuz am Hals zur Geburt des Heilands, wer hat gesagt, dass Santons etwas mit Logik zu tun haben müssen?)
Die kleinen Santons – so, wie sie bei uns in die Krippe passen – sind fingergroß und bunt bemalt. Die Luxusmodelle – unterarmhoch oder manchmal in Kleinkindgröße gar – sind zusätzlich in erlesenste Stoffe gekleidet, Waagen oder Angeln, die sie mit sich führen, sind winzige Repliken echter Geräte, in den bemalten Gesichtern kannst du die Lachfalten zählen.
Woher kommt's? Aus dem Mittelalter, vielleicht. Da sind crèches vivantes überliefert, „lebende Krippen“: die Gläubigen haben die Geburtsszene nachgestellt. Später haben sie Figuren hingestellt – vor allem in Kirchen. In Marseille sind große Krippen spätestens für das letzte Viertel des 18. Jahrhunderts überliefert.
Dann kam die Französische Revolution, die Kirchen wurden von der streng laizistischen Regierung geschlossen, Schluss war's mit der Krippenpracht. Doch die Bauern – erzkatholisch, grundsätzlich rebellisch und nicht ganz unkreativ – haben daraufhin heimlich aus Brotteig Santons geformt. Als der ausgehärtet war, wurde er bemalt, die Figuren wurden um selbst gezimmerte Krippen arrangiert und – voilà - in Bauernhäusern wuchsen allüberall zu Weihnachten nun kleine Krippen heran.
Später kam Napoleon und auch die Kirche kam zurück, aber die Bauern haben von ihrer einmal erprobten Tradition nicht mehr ablassen wollen. Seither stehen in der Provence die Santons in der guten Stube und, so will es eine andere Tradition, seither sollte jede Familie zu jedem Weihnachtsfest genau eine weitere Figur dazustellen.



Die Provence wäre allerdings nicht die Provence, wenn es dabei weihnachtlich-friedlich abgehen würde. Gerade um die harmlosen Santons sind in den letzten Jahren zwei wilde Gefechte entbrannt.
Zum einen werden Santons seit 1803 nicht länger heimlich, sondern offiziell in der Provence hergestellt, aus Ton, von relativ wenigen hoch geachteten Spezialisten ihrer Zunft, die sich ihre Kunst auch hoch bezahlen lassen. Doch zunehmend tauchen nun in Supermärkten und Gartencentern Santons zum halben Preis auf, auch aus Ton, gar nicht schlecht gemacht, nur eben viel billiger. Woher? Es sind Figuren aus dem erzkatholischen Tunesien...
Die Bauern hier stoppen ja manchmal spanische Lastwagen auf der Autobahn und kippen tonnenweise Tomaten auf den Asphalt, um so jakobinisch-energisch gegen Billigkonkurrenz zu protestieren. Meines Wissens sind noch keine tunesischen Santons in Großaktionen zertrampelt worden, aber das wird sicher noch kommen. Die hiesigen Santonniers jedenfalls hegen schon einen Groll, Petitionen werden geschrieben, und bald wird es handgreiflich werden zum Fest des Friedens, wenn sich globalisierungsbedrohte Heiligenhersteller mit nordafrikanischen Globalisierungsprofiteuren prügeln. Könnte eine neue Tradition werden.
Ob die Bürgermeister eingreifen werden? Wohl kaum, denn die führen einen zweiten Santon-Krieg. In vielen provenzalischen Rathäusern wurden nämlich auch jedes Jahr Krippen aufgestellt – bis 2015. Da ist jemandem in Paris aufgefallen, dass Krippen ja christlich sind und mithin als religiöse Symbole in einem staatlichen, also laizistischen Gebäude gefälligst nichts zu suchen haben. Also keine Krippen im Rathaus mehr...
Und dieses Jahr? Sagen wir so: Die bäuerliche Lust an der Rebellion ist noch nicht ganz vergessen. In fast allen Rathäusern stehen im Winter 2016, trotz ministeriellen Verbots, wieder Blinde und Angler, Marktfrauen und freche Kinder in provenzalischen Kulissen vor einer Krippe und warten auf das Wunder der Geburt.

In diesem Sinne: Joyeux Noël!

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