Freitag, 20. Januar 2017

Niolon ist ein winziges Fischerdorf an der Côte Bleue, ein Paradies für Segler, Schnorchler, Wanderer, Kletterer – und die Jungs und Mädels vom Bund der Steuerzahler.




Steuereintreiber arbeiten im zweitältesten Gewerbe der Welt, und wahrscheinlich werden selbst im ältesten Gewerbe die Einnahmen nicht so üppig verschwendet wie die Steuergelder. Und Niolon nun, jenes verlorene Kaff im Windschatten von Marseille, bietet ein besonders grandioses, wahnwitziges und heute fantastisch malerisches Beispiel dafür, wie ein Staat, nein, wie gleich zwei Staaten in zwei Jahrhunderten mal so richtig, richtig viel Geld für nichts verbrennen konnten.
Die Côte Bleue ist, Nautiker und Geographen mögen mir diese gröbste Vereinfachung nachsehen, jener doppelt geschwungene, einige Dutzend Kilometer lange Küstenbogen zwischen Marseille und dem Saum der Camargue. Felsen, so rau, dass sie beim Klettern die Hände aufreißen, wachsen hier fünfzig, hundert Meter aus dem Mittelmeer, werfen sich zu Steilküsten auf, falten sich in schmalste Buchten zusammen, rollen kilometerweit landeinwärts und haben dabei die Garrigue als Kopftuch übergezogen, ein karger Stoff aus Gesträuch und ein paar zähen Pinien. Kein Boden für Getreide oder Wein, nicht einmal Olivenbäume fressen sich in diesen Grund. Kaum Trassen für Wege oder gar Straßen. Kaum ein Flecken ebenes Grundstück, auf dem man wenigstens eine Hütte errichten könnte.
So ist die Côte Bleue Jahrhunderte lang eine Art Mecklenburg-Vorpommern der Provence gewesen: karg und leer und arm und unbedeutend und ganz am Rand gelegen. Ein paar Fischer haben sich in Buchten wie der von Niolon niedergelassen, die mit flachen kleinen Booten sehr gut, sonst aber so gut wie gar nicht zu erreichen waren. Die Côte Bleue war eine Steppe, eingeklemmt zwischen Mittelmeer und Provence.
Dann kamen die Preußen.

Das heißt: die Preußen kamen nicht. Aber sie hätten kommen können. Oder sie hätten kommen können wollen. Oder statt der Preußen hätten andere kommen können wollen. Oder ... putain, die Geschichte ist kompliziert, geht aber im Prinzip so: 1871 verliert Frankreich den Krieg gegen Preußen-Deutschland. Bismarck und Wilhelm I. im Spiegelsaal zu Versailles, Katzenjammer in Paris. So eine Schlappe sollte nie, nie, nie wieder vorkommen. Die Lösung? Festungen!
Nach 1871 hat sich die Dritte Republik einen Panzer aus Bunkern und Forts umgeschnallt, moderne Burgen aus Beton und Stein, gespickt mit MG-Stellungen und großkalibrigen Kanonen, aber, wie einstens zur Ritterzeit, noch immer geschützt mit Mauern und Gräben. In Verdun, zum Beispiel, sind dann tatsächlich im nächsten Krieg beim Ringen um eben jene Festungen Zehntausende verblutet.



Aber an der Côte Bleue? Mais oui! Marseille ist eine große Stadt, ein bedeutender Hafen. Da mag ein Feind herangerauscht kommen. Aber sollte Monsieur Bismarck mit seinen Pickelhauben zukünftig über das Mittelmeer wandeln, dann aber, ja dann!, dann wird man ihn mit einem Feuerwerk empfangen...
Und so haben Pioniere, Ingenieure, Arbeiter westlich und östlich von Marseille - und auf den Inseln mitten in der Bucht auch noch dazu - im späten 19. Jahrhundert Forts auf die Felskuppen gepflanzt. Und kaum eines war so mächtig wie das hundert Meter über eben jenem verschlafenen Fischerdorf Niolon. Eine Batterie mit sechs panzerbrechenden Geschützen, Laufgräben, Munitionskammern, Schlafsäle, Küchen, türkische Toiletten und Offiziersmessen, alles wurde binnen weniger Jahre in der Garrigue errichtet, mit Granaten und Vorräten bestückt, mit Uniformierten bemannt.
Allein, welche Überraschung: Die Preußen haben bei ihren verdammten Kriegen niemals den Umweg übers Mittelmeer genommen...
Keinen Schuss hat die mit solchen unendlichen Mühen und mit wahrscheinlich beinahe unendlich viel Steuergeldern errichtete Festung von Niolon je auf einen Feind abgegeben, nicht einmal einen lächerlichen kleinen Warnschuss. Nichts, rien, es hat sich niemals ein Feind in diese Ecke verirrt.

Oder besser: Irgendwann hat sich der Feind denn doch verirrt, aber er kam leider aus einer Richtung, in die man die schweren Geschütze gar nicht hätte schwenken können. Der Feind kam nämlich vom Norden her durch die Büsche spaziert, statt in die Bucht hinein zu dampfen und sich dort gefälligst versenken zu lassen.
Im Zweiten Weltkrieg ist die Wehrmacht bekanntlich ganz konventionell über Land ins Land gekommen. (Warum gibt es in Frankreich so viele Alleen? Damit die deutschen Truppen im Schatten marschieren können.) Doch als die Stahlhelme – nach einer gewissen Schamfrist wegen des Vichy-Regimes – Südfrankreich schließlich besetzt hatten, da haben sie, jawoll, 1942ff. auf die alte und inzwischen technisch überholte Festung von Niolon einfach neue Bunker draufgesetzt. Wortwörtlich. Die Wehrmacht hat Betondächer auf das alte Fort gegossen, schwer gepanzerte Stellungen kurzerhand ein Stockwerk auf die alten Strukturen gesetzt und über die Stahlringe, auf denen sich die französischen, nun obsoleten Geschütze drehten, neue Stahlringe gelegt, in denen sich die deutschen Geschütze drehten.
Und niemals schossen.
Denn, tja, 1944 kam zwar der Feind, aber irgendwie kam er nicht übers Meer, das heißt, eigentlich kamen die Alliierten schon auch über das Mittelmeer, aber irgendwie nicht schussfertig, auf jeden Fall nicht so, dass von Niolon aus das Feuer hätte eröffnet werden können, sollen, müssen und, hach, die Geschichte ist halt kompliziert.
Seither jedenfalls erhebt sich auf einem malerischen Felsen inmitten der malerischen Garrigue hoch über der malerischen Bucht von Marseille und dem malerischen Fischerdorf Niolon eine, na ja, immerhin bemalte Kriegsruine. Für den Aufbau der Festung war Steuergeld da, für den Abbau niemals. Seit Jahrzehnten nun modert und bröckelt das Fort von Niolon vor sich hin, ein Paradies für Graffiti-Sprayer und Leute, die gerne am Lagerfeuer sitzen und Bier trinken. Eine Ruine von Größenwahn und Paranoia aus jener finsteren Epoche, wegen der man danach die Europäische Union erfunden hat. (Wird heute gerne wieder vergessen.)



Diesen Winter sind wir, eher zufällig, innerhalb von ein paar Tagen gleich zweimal dorthin gestiegen. Von Niolons Hafen geht es einen wadenbeißend steilen Weg hinauf, durch die Garrigue ist es länger und entspannter. Der Mistral hat sich so sehr ausgetobt, dass uns die Tränen kamen. Das Fort ist eingefallen, gelinde überwuchert, meistens reichlich verlassen. Kein Museum, kein Denkmal, einfach ein paar Trümmer, die in der Landschaft herumstehen. Mauer und Graben erfüllen noch immer ganz gut ihren Zweck – man kommt in den verdammten Klotz gar nicht so einfach hinein.
(Verraten Sie nicht, dass Sie es von mir haben: Es liegen, warum auch immer, ein paar verbogene, längst vergessene Absperrgitter vor dem Fort. An einer Stelle in der Marseille zugewandten Seite hat der Zahn der Zeit bereits eine Bresche in die Mauer genagt. Da legt man die Absperrgitter hochkant an und klettert über diese nicht hundertprozentig sichere, improvisierte Leiter hinein. Im Innern ist auch nichts kindergesichert: Manche Räume sind düster, andernorts sind die Böden stellenweise eingebrochen und niemand kann garantieren, dass die von der salzhaltigen Luft zerfressenen Betondecken über Ihrem Kopf ewig halten werden...)
Eine Betontreppe hat uns denn auch bis zur allerhöchsten Stellung geführt, dem deutschen Bunker auf dem französischen Bunker. Die Treppe war nach all den Jahrzehnten noch erstaunlich in Ordnung, nur leider sehr schmal und dem leider mit etwa hundert Stundenkilometer wehenden Mistral voll ausgesetzt. Und irgendwie hatten die deutschen Pioniere es seinerzeit nicht für nötig gehalten, ein Geländer an die Stufen zu schrauben. So mussten wir, um nicht in die Tiefe geblasen zu werden wie lästige Staubflocken, auf allen Vieren über die Treppe hochkriechen.




Et voilà! Irgendwann zahlt sich jede Steuerverschwendung aus, wird jede Festung zur Idylle und jeder Wahntraum zum genialen Standpunkt. Von Niolons Fort schweift der Blick des unerschrockenen Besuchers nämlich auf die Bucht, ein Blick, wie ihn früher nur ein paar Kanoniere gehabt haben: Das Meer ist so blau, dass man schreien möchte vor Glück, der Wind schickt silberne Wellen über das Wasser, der freigewaschene Himmel lässt einen wieder an Gott glauben und am Horizont leuchtet Marseille.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen