Montag, 27. Februar 2017

Essen in Frankreich, ahhh! Bei der Grande Nation ist vielleicht die Grandeur ein ganz klein wenig geschrumpft: Die Force de Frappe schützt irgendwie nicht gegen Angriffe, Camus und Sartre sind schon lange tot, Citroën baut keine göttlichen Limousinen mehr und es gab in Paris auch schon mal weniger Politiker, die Ärger mit der Justiz hatten. Aber, bon appétit, die Grande Nation bleibt eine Grande Cuisine.
Bocuse und Co. bleiben die weißbekittelten Götter im Pantheon, der Guide Michelin ist ihr Messbuch und Dutzende hochopulente Rezeptschmöker verkünden immer aufs Neue die Heiligenlegenden aus den Fresstempeln der Republik. Wenn in französischen Filmen nicht gerade nackte Menschen aufeinander liegen, dann sitzen sie beisammen und reißen entweder Witze über nordfranzösische Mundart oder philosophieren hochvage und melodramatisch herum – auf jeden Fall aber schaufeln sie beim Reden noch Unmengen an Köstlichkeiten und Kalorien in sich hinein. Stimmt das Klischee?
Klar.



Selbstverständlich gibt es auch bei uns McDoof und Würger King und schreckliches Übergewicht. Doch das gepflegte Essen – also vor allem und eigentlich das Abendessen – bleibt der Angelpunkt so ziemlich jeder französisch-menschlichen Beziehung. Schon Oberstufenschüler und Studenten kochen irgendetwas zusammen oder hocken stundenlang im Bistrot. Und danach geht es so weiter, immer weiter, und wenn du hochbetagt und schwerdement fast alles vergessen hast, dann ist das (betreute) Essen immer noch irgendwie wichtig. Ich habe die Statistiken gerade nicht zur Hand (ihre genauen Zahlen sind auch eigentlich nicht so bedeutsam), aber der Durchschnittsfranzose verbringt viel mehr Zeit mit dem und gibt ein viel größeres Budget für das Essen aus als sein Gevatter auf der anderen Seite des Rheins.

Nur: Gastro-Porn ist das nicht. Es soll Frankreichkrimis geben, die zur Hälfte aus Rezepten bestehen. Und manche Freunde besuchen uns in der Küche mit Notizheft und Kamera, im festen Willen, die berühmten köstlichen Rezepte mit zu stenografieren und zu fotografieren. Welche Enttäuschung dann, denn das Kochen ... „passiert einfach so.“
Treffen sich ein paar Freunde, dann bringt jeder etwas mit. Danach stellt man sich in die Küche, schwatzt und lacht und panscht die Sachen zusammen – nach Gefühl oder zumindest ohne großes Nachdenken, weil man das, siehe oben, ja halt schon seit Kindheitstagen gemacht hat. Beim Hin- und Hergehen greift man sich Teller oder Gläser und plötzlich ist auch der Tisch gedeckt. Und irgendwie ist der Wein geöffnet worden und irgendwann fängt es an und dann hört es einfach nicht mehr auf. Kein Mensch guckt in ein Kochbuch (oder stellt gar einen iPad auf den Eichentisch), höchstens hat der eine Kumpel einen Trick drauf, den sich die anderen dann angucken und für den Rest ihrer Tage behalten werden.
Beinahe von alleine duften dann Bouillabaisse oder Soupe au Pistou oder Gardianne de Taureau oder Aïoli durchs Haus. Und da die Mittelmeeranrainer nicht weit sind und die Provence seit jeher Einwandererland ist, gehören Couscous und Merguez und Paëlla längst auch zu unseren Nationalgerichten.




Es ist auch weder schwer noch teuer noch romantisch, an die Zutaten zu kommen. Die wundertätigen „Kräuter der Provence“ wachsen gratis und in unfassbaren Mengen im Wald direkt hinterm Haus, der Winzer ist beinahe ein Nachbar, die Olivenölkooperative ist nicht weit, Gemüse und Eier gibt's beim Bauern oder auf dem Markt, und das Lammfleisch kaufen wir bei Eltern aus der Klasse unserer Jüngsten, denn Schäfer ist hier so ein Allerweltsjob wie Journalist in Hamburg.
Dann wird getafelt und getafelt und getafelt. Denn vom Apéritif bis zum Dessert – stets wird mehr aufgetragen, als auch der gutwilligste und dehnungsfähigste Bauch aufnehmen könnte. Macht nichts: Die Reste werden einfach am nächsten Tag gegessen, und manche – etwa die Soupe au Pistou – schmecken beim Aufwärmen noch etwas köstlicher als beim ersten Kochen.
Und irgendwann ist es spät und selbst die Zikaden haben aufgehört zu Sägen und alle philosophischen Fragen sind geklärt und alle Lacher sind gelacht und alle sind erschöpft und eigentlich bleibt nur noch eine einzige Frage zu klären.

Bei wem essen wir das nächste Mal?

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen